Reportage aus Januar 2001

Ungläubig schaut ein Student auf das Schild vor dem Uni-Eingang: "Polizeipräsidium Berlin" steht dort weiss auf
grün geschrieben. Vor der Technischen Universität am Berliner Ernst-Reuter-Platz stehen zwei Polizeiwagen, ein Parkverbotsschild erlaubt lediglich "Einsatzfahrzeugen" das Parken. Sollte er sich im morgendlichen Halbschlaf etwa derart verlaufen haben oder ist die Berliner Polizei über Nacht umgezogen?
Der junge Mann kann beruhigt in seine Lesung gehen: Die Berliner Filmproduktionsfirma [
PRO VOBIS ] dreht hier eine Szene für eine neue Folge des Berliner "Tatort". Nicht irgendeine Szene, sondern eine vielleicht Tatort-historische Schlüsselszene - und die Hauptrolle spielt neben den beiden Komissaren ein schnodderig ungepflegter Mercedes 200 D aus dem Jahre 1982, Experten auch als W123 - , Landbewohnern besser als "Bauern-Benz" bekannt.

Normalerweise kann man bei einem modernen Film davon ausgehen, daß alte Autos im Laufe des Films für einen Unfall herhalten müssen. Dies passiert auch bei diesem Dreh - nur wird penibel darauf geachtet, das dem alten Mercedes nichts passiert.Als Hilfsobjekt soll er den Charakter des ebenfalls schnoddrigen Tatort-Komissars betonen.Ebenfalls ständig mit dabei: Der verrostete Dachgepäckträger, der doch nie genutzt wird, aber dem Dach des weissen Mercedes treu bleibt wie eine alte Jungfer.


iMontage: Ein Stunttechniker bastelt mit Tricks

Und so wie der alte W 123 die Launen des einen Komisares unterstreicht, hilft der zweite Mercedes in diesem Krimi dem Image des anderen Komisares: Eine gepflegte neue A-Klasse, auf dem Armaturenbrett das Foto der Ehefrau, der Rücksitz besetzt mit einem Kindersitz und überall liegt Kinderspielzeug - vielleicht sogar ein bisschen zuviel des Spießertums, aber das ist eben Film.

Doch was ist das für eine Schlüsselszene und welche Rolle spielt der alte W123 nun dabei?
Nun, Tatort-Komissare arbeiten immer zusammen. Und ab und wann wird einmal ein Komissar ausgetauscht, ergo muss ein neuer Komissar an seine Stelle treten.
Genau dies ist beim Berliner "Tatort" der Fall: Der Komissar bekommt einen neuen Kollegen, beide treffen in eben dieser Filmszene das erste Mal aufeinander. Und Tatort wäre nicht Tatort, wenn auch das Aufeinandertreffen neuer Kollegen witzig in Szene gesetzt wird - in diesem Fall mit Hilfe der Autos der beiden Komissare.


iUnd Action: Alles auf die Positionen bitte...

Allzuviel durften wir an dieser Stelle leider nicht verraten, nur soviel: Vor dem "Polizeipräsidium" suchen beide händeringend nach einem freien Parkplatz, was an dieser Stelle eigentlich kein Problem ist. An diesem Tag jedoch ist das mit Parkplätzen so eine Sache, und so findet sich erst nach längerem Suchen ein freier Platz. Leider finden beide diese Lücke gemeinsam, und während beide




i...und Ruhe bitte - es wird gedreht!

sich um den Platz streiten, freut sich ein Dritter...
Also nochmal um den Block, wieder ein freier Platz, wieder beide davor...rumms!

Was später im Film aussieht wie ein Zusammenstoß ist in Wirklichkeit ein geschickt aufgenommenes, perfektes Timing zwischen drei Fahrzeugen. Damit dieses Timing auch stimmt, müssen Stuntmen (und eine Stuntfrau) ran - auch wenn eigentlich nichts kaputtgeht.

Doch damit diese Parkrempelei dem Zuschauer glaubhaft vermittelt wird, muss irgendeine Kleinigkeit kaputtgehen - und deshalb sollte eigentlich die Stoßstange des betagten W 123 im richtigen Moment abfallen. Sollte - wenn da nicht die bekannte Zuverlässigkeit eines Mercedes eine wichtige Rolle spielen würde. "Eine Mercedes-Stoßstange darf nicht einfach so abfallen, auch wenn das Auto 20 Jahre alt ist", meint einer der Techniker und fügt grinsend hinzu "besonders wenn Mercedes diesen Dreh mit mehreren Fahrzeugen sponsort". Aha.
Aber irgendwas muss scheppern. "Das Kennzeichen scheppert gut" meint einer aus dem Filmteam - sicher, ein Kennzeichen kann schon einmal abfallen, auch bei einem Mercedes.


iDer "Komissar" beschwert sich lauthals

Wie umständlich es jedoch ist, ein Kennzeichen im exakt richtigen Moment fallen zu lassen zeigt sich kurz darauf. Gleich zwei Techniker einer Brandenburger Stuntfirma fangen an zu basteln, ersetzen Schrauben durch Gummistopfen, verbinden diese mit Seilen und diese wiederum werden geschickt versteckt in den Fahrzeuginnenraum geführt. Der Trick: Der fahrende Stuntmen zieht genau im richtigen Moment an den Seilen, die Gummistopfen fallen heraus und das Kennzeichen fällt wie von Geisterhand zu Boden.

Wenn, ja wenn es denn so fallen würde, wie der Regisseur es gerne hätte. Der wiederum hat nämlich ganz eigene Vorstellungen von einem perfekt scheppernd fallenden Kennzeichen.
Wieviele Schritte letztendlich für diese Szene gleichzeitig koordiniert werden müssen zeigt sich spätestens jetzt: 9 mal wird die Szene wiederholt, zwischendurch kracht es fast wirklich.

Die studentischen Komparsen, deren Autos als daneben parkende Objekte herhalten müssen, zittern mit jeder Szene mehr - aber nach 8 Stunden Außendreh an einem kalten, windigen Dezembermorgen ist endlich alles gemäß den Wünschen des Regisseurs im Kasten.
Und alle sind glücklich: Der Regisseur hat seine Bilder, das Team hat Feierabend und darf endlich wieder das warme Zuhause aufsuchen, der Sponsor Mercedes hat nichts zu meckern, ja, und der gute alte, treue Mercedes durfte seine Stoßstange behalten.

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